
Digitale Themenwoche 2026
Demokratie unter Druck: Kulturkampf, Antifeminismus und Extremismus in Krisenzeiten – analog und digital
Wie verändert sich demokratisches Zusammenleben in einer Zeit multipler Krisen, zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und rasanter technologischer Entwicklungen? Politische Konflikte werden zunehmend zugespitzt geführt – in Parlamenten, auf der Straße und in digitalen Öffentlichkeiten. Antifeministische Mobilisierungen, Kulturkämpfe um gesellschaftliche Werte, Angriffe auf Journalist:innen und demokratische Institutionen sowie neue Formen extremistischer Radikalisierung stellen Politik, Zivilgesellschaft und Bildungsarbeit vor große Herausforderungen. Gleichzeitig werfen neue Technologien, wie Künstliche Intelligenz, Fragen nach Manipulation, Desinformation und politischer Einflussnahme auf. Die digitale Themenwoche 2026 greift diese Entwicklungen auf und bietet Raum für Analyse, Diskussion und praxisnahe Perspektiven für den Umgang mit antidemokratischen Dynamiken. In fünf Veranstaltungen beleuchten renommierte Wissenschaftler:innen und Expert:innen unterschiedliche Facetten aktueller gesellschaftlicher Konflikte und ihre Auswirkungen auf demokratische Prozesse.
Wir laden Sie herzlich ein, an der digitalen Themenwoche vom 20. bis 24. April 2026 teilzunehmen und mitzudiskutieren. Das Angebot ist kostenfrei und wird über das Videokonferenzsystem Zoom umgesetzt – eine Anmeldung ist erforderlich. Die Veranstaltungen der digitalen Themenwoche richten sich an Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, der politischen Bildung, der Demokratieförderung und Extremismusprävention, sowie an pädagogische Fachkräfte aus Schulen und Interessierte.
Montag, 20.04.2026 von 15:00 bis 17:00 Uhr: Keine Macht der Ohnmacht! Demokratische Resilienz in stürmischen Zeiten
Referent: Prof. Dr. Matthias Quent
Wir sind im ständigen Krisenmodus: Angesichts steigender Preise, Kriegen, Klimakrise und des zunehmenden Rechtsrucks fühlen sich viele Menschen verzweifelt und ohnmächtig. Sie reagieren mit Wut oder ziehen sich zurück. Der Eindruck, nichts tun zu können, ist ein Massenphänomen geworden. Matthias Quent spricht und diskutiert darüber, wie politische Ohnmacht entsteht und warum sie so problematisch ist. Denn ob wir kämpfen, fliehen oder erstarren, ist entscheidend für die Zukunft unserer Demokratie. Auf Basis neuer Daten und eindringlicher Fallgeschichten erklärt der Autor, Soziologe und Demokratieforscher grundlegende Zusammenhänge und zeigt, wie wir gut durch diese stürmischen Zeiten kommen.
Matthias Quent, Dr. phil., ist Professor für Soziologie an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena.
Quent war seit 2016 Gründer und Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) Jena in Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung. Das IDZ ist Teil des bundesweiten Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ). Zum 1. Februar 2022 hat Quent den Staffelstab der Leitung des IDZ an Dr. Axel Salheiser und Anne Tahirovic übergeben. 2022 gründete Quent gemeinsam mit Prof.in Katrin Reimer-Gordinskaya das neue Institut für demokratische Kultur an der Hochschule Magdeburg-Stendal. 2022 wurde Quent in die Sachverständigenkommission zur Erstellung des Vierten Engagementberichts der Bundesregierung berufen.
Dienstag, 21.04.2026 von 10:00 bis 12:00 Uhr: Staatliche Neutralitätspflicht – für wen gilt sie, wozu verpflichtet sie, wozu nicht?
Referent: Dr. Björn Elberling
Die Berufung auf die staatliche Neutralitätspflicht, die vor allem vor Eingriffen staatlicher Organe in den politischen Wettbewerb schützen sollte, wird in den letzten Jahren vermehrt als Instrument gegen politische Äußerungen zivilgesellschaftlicher Gruppierungen eingesetzt.
In dem Workshop soll es darum gehen, wer einem Neutralitätsgebot unterliegt und wer nicht, was Umfang und Grenzen dieses Gebots sind und was zivilgesellschaftliche Gruppierungen, insbesondere solche, die staatliche Förderung erhalten, bei Stellungnahmen beachten müssen.
Der Referent Dr. Björn Elberling, Rechtsanwalt in Kiel und Leipzig, berät seit längerem zivilgesellschaftliche Akteure in presserechtlichen und ähnlichen Fragestellungen
Mittwoch, 22.04.2026 von 15:00 bis 17:00 Uhr: Misogyne Hasskampagnen und rechter Kulturkampf
Referentin: Veronika Kracher
Frauen öffentlich für Transgressionen gegen das Patriarchat und seine Zurichtungen zu bestrafen, ist fester Bestandteil kultureller und politischer Praxis. Seien es Hexenprozesse, öffentliches Haarescheren von deutschen Frauen, die Beziehungen zu Alliierten führten oder die von Häme und Misogynie geprägte Berichterstattung gegen weibliche Celebrities oder Politikerinnen: die öffentliche Demütigung dient sowohl als Unterhaltung der Massen, als auch als normatives Werkzeug, um das Geschlechterverhältnis aufrecht zu erhalten.
Durch das Internet, vor allem durch soziale Medien ist die Sanktionierung von Frauen und gendernonkonformen Menschen generell im schlechten Sinne demokratisiert worden. Unzählige Podcaster, Youtuber, Influencer und Meme-Accounts haben aus dem Bedienen misogyner und queerfeindlicher Ressentiments ein lukratives Geschäft gemacht.
Besonders populäre Methode ist, einzelne Frauen oder trans Menschen für ihre vermeintlichen Vergehen als ein legitimes Feindbild zu markieren, an dem dann der empörte Mob seine (Trans)misogynie auslassen kann – denn die betroffene Person hat es ja scheinbar verdient. Es ist wenig verwunderlich, dass antifeministische Akteur:innen regelmäßig einzelne Frauen und Queers als Angriffsfläche zu brandmarken, um dann ihre Anhänger:innen den Rest erledigen zu lassen: Häme, Drohungen und Gewalt gegen die Betroffenen. So sollen diese aus der Öffentlichkeit gedrängt werden; gleichzeitig hat die Gewalt auch die normierende Funktion, andere kritische Stimmen ebenfalls einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Das Ziel ist eine generelle antifeministische Diskursverschiebung und Kulturkampf von Rechts.
Veronika Kracher ist Soziologin, Autorin und Bildungsreferentin.
Ihre Arbeitsschwerpunkte sind digitale Misogynie, Antifeminismus, Online-Radikalisierung und Rechtsextremismus, zu denen sie seit 2015 forscht und publiziert. 2020 veröffentlichte sie das Buch "Incels - Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults", 2026 "Bitch Hunt - Warum wir es lieben, Frauen zu hassen"
Donnerstag, 23.04.2026 von 13:30 – 15:30 Uhr : Linke Gesellschaftskritik: Radikal, militant oder extremistisch? Vortrag, Gruppengespräche und Diskussion zu den Herausforderungen der politischen und pädagogischen Auseinandersetzung mit Linksextremismus
Referent: Prof. Dr. habil. Albert Scherr
Dass der gegenwärtige Rechtsextremismus eine Bedrohung für Demokratie darstellt, ist unstrittig. Gilt das in gleicher Weise auch für Linksextremismus, wie die sogenannte „Hufeisentheorie“ unterstellt, oder ist das nur ein Mythos, mit dem die Berechtigung linker Gesellschaftskritik bestritten werden soll? Gibt es innerhalb der radikalen Linken Strömungen, die demokratische und menschenrechtliche Grundsätze ablehnen und die deshalb als extremistisch gelten müssen? Die Veranstaltung lädt zu einer Auseinandersetzung mit diesen Fragen ein.
Prof. Dr. habil. Albert Scherr, Soziologe, lehrt und forscht an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und ist Research Fellow an der University of the Free State in Südafrika. Er befasst sich seit Anfang der 1990er Jahre mit Strategien gegen Rechtsextremismus befasst und hat sich gegen die Abschiebung von Geflüchteten engagiert. Sein kritischer Blick auch auf linken Extremismus problematisiert die Unterschätzung von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie in manchen Strömungen der Kapitalismuskritik.
Freitag, 24.04.2026 von 10:00 – 12:00 Uhr: Künstliche Intelligenz und Extremismus – Gefahren und Chancen für die Demokratie
Referentin: Dr. Isabel Lang
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ist ein Gamechanger für Extremist*innen jeglicher Couleur, da diese nun Inhalte in großen Mengen und in kürzester Zeit erstellen können, um ihre Adressat*innen noch gezielter anzusprechen, Menschen zu radikalisieren und durch den Einsatz von Emotionen die Gesellschaft zu polarisieren. Beispiele dafür sind etwa KI-generierte Bilder und Deep Fake-Videos oder auch -Audios, die zudem immer professioneller werden und dadurch immer schlechter von Internet-Nutzer*innen erkannt werden können. Künstliche Intelligenz bietet jedoch auch große Chancen im Einsatz gegen Extremismus. Beides soll im Rahmen des Vortrages anhand von zahlreichen Beispielen praxisnah thematisiert werden. Ebenso erwähnt werden soll auch die Bedeutung von politischer Bildung und insbesondere Medienkompetenz für Menschen aller Altersgruppen, um KI-Nutzung durch Extremist*innen online erkennen zu können, wozu ebenfalls Hinweise für die Praxis gegeben werden.
Dr. Isabel Lang ist Islamwissenschaftlerin und forscht langjährig im Bereich Extremismus. Sie war im Bereich Prävention und Staatsschutz eines hessischen Polizeipräsidiums tätig. Im Rahmen der dortigen Tätigkeit war sie zudem an das Hessische Informations- und Kompetenzzentrum gegen Extremismus (HKE) im Hessischen Ministerium des Innern und für Sport abgeordnet. Sie ist Autorin zahlreicher Artikel, Aufsätze und Bücher.