Bedingungslose Solidaritätsbekundungen - zwischen Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus

Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus werden in der Öffentlichkeit meist getrennt voneinander betrachtet und bearbeitet, wobei das jeweils andere Thema daraufhin häufig relativiert wird. Anstatt der gemeinsamen Auseinandersetzung bilden sich so zwei scheinbar unvereinbare Gegenpositionen. Oftmals versteckt sich antimuslimischer Rassismus jedoch im vermeintlichen Kampf gegen Antisemitismus und Antisemitismus wiederum in der scheinbaren Kritik an Israel.

Dies äußert sich beispielsweise in Argumentationen und Bildern von „Opferkonkurrenzen“: hierbei werden die verschiedenen Formen von Ausgrenzung und Diskriminierung miteinander verglichen und das eigene Leid und die selbsterlebte Form der Diskriminierung als die Wichtigste und Bedeutungsvollste dargestellt und hervorgehoben.

Die Gefahr liegt hier darin, dass sich im jeweiligen Engagement gegen die entsprechende Form der Diskriminierung bestimmter Feindbilder und Narrative bedient wird. Damit wird zwar die jeweils eigene (Gruppen-) Identität gestärkt und biographische Erlebnisse möglicherweise erklärbar gemacht, jedoch mithilfe von Zuschreibungen und Abwertungen der jeweils anderen Gruppe.

Unterlegenheitsunterstellungen im Rassismus gehen mit einer Überlegenheitsunterstellung im Antisemitismus einher und können nicht isoliert voneinander betrachtet werden. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus sind weit in der Gesellschaft verbreitet und können bis zum Terror führen, was an Beispielen wie Hanau, Halle und Utoya nur allzu deutlich wird. Darum müssen beide Formen der Diskriminierung gemeinsam gedacht und diesen gleichzeitig entgegengewirkt werden.

Die Veranstaltung soll dazu dienen, Brücken zwischen den durch die Öffentlichkeit polarisierten Diskursen über Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus zu schlagen, für das Phänomen zu sensibilisieren, sowie Umgangsstrategien hiermit zu diskutieren. Nach einem Vortrag von Dr. Floris Biskamp folgt eine Podiumsdiskussion mit ihm, der Journalistin Ayesha Khan, Veronica Sartore („Schalom und Salam“), Samuel Stern (Wertzeug e.V.) und Osman Özdemir (Beratungsstelle Salam).

Sie findet analog statt am 10. März 2022 ab 18.00 Uhr im Gutenberg Digital Hub im Mainzer Zollhafen.

Die Anmeldung erfolgt über das Online-Formular.

Zur Person:
Dr. Floris Biskamp
ist Politikwissenschaftler, Soziologe und derzeit Gastprofessor für Demokratiebildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung an der Freien Universität Berlin. Darüber hinaus ist er Postdoc im Promotionskolleg Rechtspopulistische Sozialpolitik und exkludierende Solidarität an der Universität Tübingen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten zählen politische Theorie, politische Ökonomie, politische Bildung, Populismusforschung und Rassismusforschung. Neben seiner akademischen Tätigkeit hält er auch zahlreiche Vorträge in der politischen Bildungsarbeit gegen Rassismus und Antisemitismus, ist publizistisch aktiv und betreibt einen Blog.

Ayesha Khan (sie/ihr) ist Journalistin und Autorin und war Referentin der Öffentlichkeitsarbeit in der Bildungsstätte Anne Frank. Neben dem Schreiben unterrichtet sie Englisch und Deutsch als Fremdsprache. Als intersektionale Feministin of Color macht sie unter anderem auf Rassismen aufmerksam und problematisiert Täter-Opfer-Umkehrungen. Andere Schwerpunkte ihrer Texte sind Sexismus, (Post-) Kolonialismus, Flucht/Migration und anti-muslimischer Rassismus. Sie schreibt für das Missy Magazin, Analyse und Kritik und die taz. Alle 14 Tage erscheint ihre Kolumne „Der Khan-Report“ im nd (Neues Deutschland) über das Aufwachsen in einem (post)migrantischen Deutschland.

Samuel Stern hat Politikwissenschaft & Judaistik in Tübingen, Lüttich, Heidelberg und Jerusalem mit Schwerpunkt auf Demokratie-, Populismus- und Antisemitismusforschung studiert. Währenddessen war er für die LpB Baden-Württemberg und das Museum Synagoge Affaltrach in der (historisch-) politischen Bildung aktiv. Seit letztem Jahr ist er Botschafter bei „Schalom und Salam“ und pädagogischer Mitarbeiter im Projekt Wertraum bei Wertzeug e.V., wo er politische, demokratische Bildung und Extremismusprävention in rheinlandpfälzischen JVAen für Gefangene und Bedienstete betreibt.  

Veronica Sartore ist in Padua (Italien) geboren und aufgewachsen und hat dort Philosophie studiert. Nach einem Praktikum im Friedensdorf Wahat al-Salam/Neve Shalom in Israel in 2010 zog sie nach Barcelona (Spanien), wo sie sich viele Jahre im UNESCO Verein für den interreligiösen Dialog (Audir) und bei der jüdischen Kulturplattform Mozaika engagierte und verschiedene interreligiöse Initiativen mitgründete und koordinierte, u.a. “Die Nacht der Religionen” und das jüdisch-muslimische Projekt “Salam Shalom Barcelona”. 2018 bekam sie ein Stipendium für ein Programm der Jüdischen Studien am European Institute for Jewish Studies in Sweden (Paideia). Seit März 2021 ist sie Mitarbeiterin bei Schalom und Salam und leitet seit Oktober das Projekt Yad be Yad im Verein Kubus e.V. in Stuttgart.

Osman Özdemir hat Islamwissenschaft (M.A.) in Marburg studiert. Er ist Mitarbeiter im Demokratiezentrum Rheinland-Pfalz, wo er vor allem im Bereich der Beratungs- und Fortbildungsangebote tätig ist. Seine Arbeitsfelder sind Islamismus und antimuslimischer Rassismus, wobei ein Fokus auf der Diskursverschränkung dieser beiden Phänomene liegt. Zuvor war er bei der Bildungsstätte Anne Frank als Bildungsreferent in der rassismuskritischen Bildungsarbeit tätig. Daneben war Osman Özdemir als Gefängnisseelsorger für muslimische Gefangene in der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt in Hessen beschäftigt.

Diese Veranstaltung ist eine Kooperation des Projekts „Wie wollen wir leben?“ des Internationalen Bundes, Wertzeug e.V. und dem Demokratiezentrums Rheinland-Pfalz.